Mo 10 Mai 2010
Wie man eine Figur erschafft (3), oder: Die schwere Kindheit
Kategorien: einfach alles , schreibenOh weh, schon wieder mehr als ein Quartal rum und noch nichts gebloggt. Nu aber …
Beim letzten Mal habe ich kurz dargestellt, was alles bei der Beschreibung einer Romanfigur zu beachten ist. Dabei habe ich mich allerdings ausschließlich auf die Äußerlichkeiten beschränkt. Zu einer vollständigen Figur gehört jedoch wesentlich mehr als das. Was bisher noch fehlt, sind die Eigenschaften, die den eigentlichen Charakter ausmachen, die psychologischen bzw. soziologischen Eigenschaften. Bevor nun der geneigte Leser aufstöhnt und sagt, das sei doch alles übertrieben und ob man nicht die Kirche im Dorf lassen solle, sei an ein paar Dinge erinnert:
1. Die Biografierung einer Figur ist kein Selbstzweck. Sie dient dazu, sich selbst über die Figur besser klarzuwerden, sie kennenzulernen, ihre Macken, ihre Stärken und ihre Schwächen einschätzen zu können, zu wissen, wie sie zu dem geworden ist, was sie ist, wie sie in bestimmten Situationen reagieren wird, und warum. Nur wer seine Figuren kennt und sie im Griff hat, ist in der Lage, sie glaubwürdig und überzeugend agieren zu lassen.
2. Je wichtiger die Figur für die Geschichte, desto genauer sollte man sich im Vorfeld Gedanken über sie machen. Dies führt zwangsläufig dazu, dass eine Biografie bzw. ein Steckbrief für eine Figur umso umfangreicher wird, je stärker ihre Rolle in der Geschichte ist. Nicht zu jeder Figur muss jeder Aspekt ausgearbeitet werden. Das volle Programm gibt’s nur für die Hauptfiguren.
3. Je mehr Figuren, je mehr Verbindungen untereinander, desto größer der Biografierungsaufwand. Schreiben Sie ein Roadmovie, in dem es um die Geschichte des Ich-Erzählers geht, der versucht, auf einem Motorrad-Roadtrip durch die Wüste von Arizona über eine verflossene Liebe hinwegzukommen, und dabei nur zwei eingeborene Navajo-Indianer trifft, werden Sie mit der Biografiererei schnell fertig sein. Anders, wenn Sie ein Historienepos über drei Generationen hinweg schreiben.
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Das wird schwierig genug, wenn ich mir meine gegenwärtige Lage so betrachte. Die weisen Häupter der Zaubererakademie Hochwärts haben sich in den Kopf gesetzt, ich sei so etwas wie ihr großer Heilsbringer und haben mich in die Welt der Hexen und Zauberer verschleppt, damit ich sie vor dem Untergang bewahre. Ich kann ihnen einfach nicht klarmachen, dass sie sich den Falschen geschnappt haben und ich über keinerlei magische Kräfte verfüge. Sie gehen weiterhin felsenfest davon aus, dass ich derjenige bin, der sie von den Sieben Plagen, der finanziellen Schieflage ihres Schulhaushalts, Fußpilz und nebenbei auch noch von der Bedrohung durch den finsteren Lord Walmart befreien wird. Das wird eine schöne Enttäuschung werden, wenn ich das erste Mal den Stab raushole … ähm, den Zauberstab meine ich.
Heinrich hat auch ein paar echt dufte Sachen mit in die Zaubererwelt gebracht, die hier vorher total unbekannt waren. Diese lässigen blauen Hosen zum Beispiel. ›Tschiens‹ oder so ähnlich heißen die. Nachdem ich lange genug genörgelt habe, hat er mir sogar eine von seinen ausgeborgt, obwohl er auch nur zwei dabei hatte. Lärmine ist total neidisch deswegen, weil sie immer noch in ihren öden Röcken rumlaufen muss. Naja, für mein nebenstehendes Bild für’s Familienalbum musste ich mich auch nochmal in eine meiner ollen Stoffhosen quälen. Wenigstens durfte ich die Sonnebrille aufbehalten. Heinrich hat sie mir zum Geburtstag geschenkt. Coole Sache. Und die Mädels fahren voll drauf ab.