Zurück in einer Welt, in der die Umweltbedingungen zwar magischen, aber abgesehen davon fast normalen Naturgesetzten folgten, hob Ambos Schwurbelbart, ausführender Direktor der Zaubererakademie Hochwärts, soeben sein Frühschoppenbier vom Kneipentisch, hielt es ins diffuse Licht der staubverkrusteten Öllampen, und starrte sinnierend hindurch.

»Dann ist es also wahr, Ambos?« Conserva McGummiball, stellvertretende Direktorin der Akademie, rückte nervös ihre Brille zurecht.

»Ja, Conserva«, nickte Direktor Ambos Schwurbelbart, setzte sein Bierglas ab, sammelte einige verlorene Haare seines gewaltigen grauen Bartes heraus und schaute besorgt in die Runde. »Leider ist es wahr. Die guten Nachrichten, aber auch die schlechten. Es ist die Gemeinschaft der neun Übel, die sich gegen uns erhebt. Kein Leben wird vor ihnen sicher sein. Sie werden Dunkelheit und Verzweiflung über das Land bringen, Anwohnerparkzonen einrichten und, wenn es ganz dicke kommt, sogar die Öffnungszeiten für die Weihnachtsmärkte verkürzen und ›Gute Zeiten schlechte Zeiten‹ absetzen.«

»Und was waren jetzt die guten Nachrichten?«, fragte Professor McGummiball.

»Ähm, ich hatte gehofft, das ergäbe sich noch irgendwie.«

Plötzlich langte zwischen dem Direktor und seiner Vertreterin eine klauenartige Hand auf den Kneipentisch und tastete nach einem dickwandigen Glas, in dem dampfend eine glutrote sämige Flüssigkeit schwappte. Die Klaue fand das Glas und zog es langsam über die Tischkante. Sie beförderte Schlucke der roten Flüssigkeit in einen viel zu großen Kopf, von dem nur zwei fledermausartigen Ohren und ein Büschel Haare, dick wie Fransen an einem Bucharateppich, über die Tischkante lugten. Nur wenn es sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte das koboldhafte Kerlchen mit Müh und Not über die Tischkante blicken. Ab und zu war das nötig, denn der Direktor machte sich ständig einen Spaß daraus, das Glas mit der roten Flüssigkeit außer Reichweite zu schieben, wenn der Gnom danach tastete.

McGummiball sah den Direktor missbilligend über die Brillengläser hinweg an und winkte nach der Kellnerin. »Roswitha, können wir nicht einen Kinderstuhl für Professor Jota bekommen?«

»Tut mir leid, Conserva, aber die sind leider alle am Stammtisch der Hobbels in Gebrauch.«

»Es gut sein lass, Conserva«, ertönte Professor Jotas Stimme röchelnd unter dem Tisch hervor. »Schon geholfen mir wäre, wenn unter meiner Nase dieser stinkende Müllsack seine Füße nicht parken würde.«

Der stinkende Müllsack war der Kerl, der auf der anderen Seite des Tisches saß, das Gesicht seitlich auf die Arme gelegt hatte und unruhig schlief. Er sah arg mitgenommen aus, als habe er lange Zeit weder Wasser und Seife noch ein Bett zu Gesicht bekommen: das schwarze Haar lang und strähnig wie die Ohren eines Cockerspaniels, der im Regen gestanden hatte, die Bartstoppeln struppig und verkrustet, der lederne Reiseumhang an vielen Stellen eingerissen und so speckig, dass er im schummrigen Licht der staubigen Petroleumlampen glänzte. Jedes Mal, wenn der Mann schnarchend einatmete, sog er außer rauchgeschwängerter Kneipenluft eine seiner langen Haarsträhnen mit ein und hustete im Halbschlaf.

»Wer ist dieser Kerl eigentlich?«, fragte Professor Zerberus Ziep, ein weiteres Mitglied des Schulrates der Zaubererakademie Hochwärts, und rümpfte empfindsam die Nase. Komplettiert wurde der Schulrat von der neben Ziep sitzenden Professorin Margarina Kraut und zwei weiteren Personen, die unkenntlich im Schatten des Kneipendunkels saßen.

»Das ist Labergrog, Laberthrons Sohn«, erklärte Schwurbelbart mit gesenkter Stimme. »Von ihm stammen die Informationen.«

»Das ist Labergrog, der Nachkomme Isoliers und Thronerbe Gondels?«, fragte McGummiball skeptisch.

»Nein«, sagte Schwurbelbart. »Er ist ein Nachkomme Klementines, der Wäscherin unten an der Ecke, und Thronerbe von Ostwestfalen. Sein richtiger Name ist Dirk Streichler. Er ist Betreiber des gleichnamigen freien Orakelservices und staatlich geprüfter Waldläufer.«

»Waldläufer? Sieht mir eher aus wie ein Quartalssäufer. Ist er vertrauenswürdig?«

»Unbedingt«, sagte Schwurbelbart im Brustton der Überzeugung. »Man sollte lediglich die Hand auf der Brieftasche lassen, wenn er wach ist.«

»Na schön«, sagte McGummiball und klang wenig überzeugt. »Lassen wir es zunächst dabei. Diese neun Übel, Ambos … Wer sind sie?«

Mit einem Mal schreckte Streichler aus dem Schlaf hoch wie von Dämonen gebissen und starrte McGummiball mit irrlichterndem Flackern in den Augen an. »Die Neun?«, schrie er hysterisch. »Wer die Neun sind, fragt Ihr?« Er schaute sich gehetzt um und dämpfte die Stimme. »Fürchtet Ihr euch?«, flüsterte er. »Nun, das solltet Ihr auch. Es sind die Nassguh… Nass…, nein, Naspuhl, ja, so war ’s. Die Naspuhl! Einst waren sie, hlps - M…menschen, doch jetzt sind sie Geister … Ring… Ringgeister, ähm, G-Geisterringer! Ja, Ringer. Die ringen und ringen und … ähm, hauen Euch den Kopf zwischen den Ohren raus. Jawohl.« Er sank zurück auf die Tischplatte.

Schwurbelbart rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her und räusperte sich. »Nun ja, seit der Sache mit dem Ring ist er ein wenig durch Wind. Aber er ist einer unserer wichtigsten Informanten, und was er über die neun Übel herausgefunden hat, ist für uns von existentieller Bedeutung. Es sind die Naspuhl, die neun Ringgeister aus dem Lande Mordort, die vom dunklen Herrscher verraten wurden. ›Ein Strick, sie zu binden und nie mehr zu finden‹ und so weiter. Diese alte Geschichte mit dem Ring, ihr wisst schon, geschmiedet vom dunklen Herrscher Saujung in den Feuern des Trübsalberges, auf den Aufgusssteinen der Welt größten Dämonensauna. Ansonsten wissen wir nicht viel über sie. Es heißt, nach der Vertreibung aus Mordort hätten sie sich in eine andere Welt geflüchtet, eine Parallelwelt zu unserer, ähnlich der der Nupsis, nur heißer, und dort eine neue Schreckensherrschaft etabliert.«

»Heißer?«

Schwurbelbart nickte. »Es heißt, dort seien selbst die Bürostühle teflonbeschichtet, damit man seinen Hintern wieder davon losbekommt. Es ist eine Welt, die wir am ehesten mit der Hölle vergleichen würden. Angeblich folgt selbst die Zeit dort anderen Gesetzmäßigkeiten und vergeht unendlich langsam. Aufgrund der immensen Zeitausdehnung sind die Naspuhl zu einer Art bürokratischen Sekte verkommen und verbringen die meiste Zeit damit, sich unsinnige Verwaltungsvorschriften auszudenken. Naja, man sagt ja immer, alles Übel ginge von den Behörden aus und die Zeit vergehe dort unglaublich langsam. Er ist schwierig, an genauere Informationen zu kommen. Man kann nur in ihre Welt hinüberwechseln, wenn man einen Termin hat, und wer die Behörden kennt, weiß, dass das fast unmöglich ist. Unser Freund Streichler ist der Einzige, dem es gelingt, heimlich hinüberzugehen und für uns zu spionieren. Er ist einer der Dunnemals, einer Magiergilde, der die Fähigkeit verliehen ist, zwischen den Welten zu wandeln. Auch ihm ist dadurch ein unnatürlich langes Leben gegeben und er kennt Saujung und die Naspuhl noch aus früheren Tagen.«

Beim Wort ›Saujung‹ fuhr Streichler erneut auf. »Saujung!«, rief er schrill. »Es sind die … Nasssuhl! Nein, Schlammpfuhl, so war ’s. Die Schlammpfuhl! Einst waren Sie, ähm … Sie waren … Oger! Ja, genau, Oger. Einst waren sie Oger und heute sind sie … kleine grüne Schlammwesen, die in unseren Kanalisationen herumwuseln und aus den Toiletten schmutzige Lieder singen, hlps, die kleinen Teufel.« Wieder kippte er vornüber und driftete hinüber in die Schattenwelt.

»Die Wandelei zwischen den Welten scheint ganz schön aufs zentrale Nervensystem zu schlagen«, sagte McGummiball mit Blick auf den Waldläufer und rieb sich das Kinn.

»Ja, wir sollten diese alte Geschichte besser nicht mehr erwähnen.«

»Daran gelegen mir wäre«, rief Professor Jota unter dem Tisch hervor. »Beim letzten Anfall seinen versifften Stiefel in die Seite gerammt er mir hat.«

»Nun ja, das Tröstliche ist, dass die Hölle auch für die Naspuhl eine Welt ohne Wiederkehr ist. Sie können aus ihr nicht entkommen.«

»Aber wenn sie kaum etwas tun und nicht zu uns kommen können, wo liegt dann das Problem?«

Schwurbelbart seufzte tief. »Ach, Conserva, wenn Sie wüssten … Unter dem Gesichtspunkt nahezu unendlicher Zeitausdehnung sind sie leider alles andere als untätig. Angefangen bei der Vertreibung aus dem Paradies bis hin zum 5:1 der Engländer gegen Deutschland beim Länderspiel 2001 in München sind sie für nahezu alle Katastrophen verantwortlich, die wir aus der Geschichte kennen. Und genauso wie wir, können auch sie sich irdischer Helfer bedienen, um ihre Übel in die Welt hinauszusenden. Und gestern Abend, in einem seiner wacheren Momente«, er ruckte mit dem Kopf in Streichlers Richtung, »da hat er mir mitgeteilt … hat mir mitgeteilt, dass …«

Alle am Tisch sahen Schwurbelbart erwartungsvoll an. »Und?«, fragte McGummiball, als er auch nach einer Minute nicht weitersprach und fortwährend aus dem blind gewordenen Kneipenfenster blickte. Jetzt zuckte er zusammen, als habe er die Anwesenheit der anderen zwischendurch völlig vergessen. Mit sorgenvoller Miene wendete er McGummiball das Gesicht zu. »Sie werden versuchen, den Unaussprechlichen zu rekrutieren.«

Einer der beiden Anwesenden, die bisher im Dunkeln gesessen hatten, beugte sich überrascht ein wenig vor, bevor er, als sei er sich der plötzlichen Bewegung bewusst geworden, innehielt und sich rasch wieder ins Dunkel zurücksinken ließ. Nur kurz war im Licht der Petroleumdeckenlampe das sanfte Schimmern eines silbrigen Kopfschmucks sichtbar gewesen. »Faszinierend«, murmelte er interessiert.

McGummiball hingegen war sichtlich erschrocken. »Ihn-dessen-Name-mir-gerade-nicht-einfällt? Ich dachte, er sei für immer aus unserer Welt getilgt.«

»Leider nicht«, erwiderte Schwurbelbart. »Das ist nur, was ich die Presse damals glauben ließ.«

»Das bedeutet …«, begann McGummiball verstehend.

»Ja, Conserva, ich fürchte, um damit fertig zu werden, werden wir ihn brauchen.« Schwurbelbart seufzte tief und ein wehmütiger Blick trat in seine Augen. »Wir brauchen den Jungen mit dem Blitz auf der Stirn.«

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2 Kommentare zu ›Der Hohe Rat von Hochwärts‹



  1. Birgit sagt:

    Hallo Dave,

    dass lässt sich doch gleich viel besser an!
    Diesmal habe ich wenigstens nicht das Gefühl, dass ich das Buch bereits kenne, wenn Du weisst was ich meine.

    …doch Vorsicht walten lass, bevor den ehrwürdigen Yoda Du veralbern willst!

    Liebe Gruesse
    Birgit



  2. Anonymous sagt:

    ich habe mich sehr unterhalten gefühlt, da die mischung zwischen dem Herr der Ringe, Star wars(damit meine ich Jota) und Harry Potter sehr gut war. Ich habe jetzt schon einige Kapitel dafon gelesen und fand es bisher sehr ansprechent. gute Arbeit, mein ich damit :!: :razz: :wink: :grin: :smile: :mrgreen:

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