Warum nur? Warum hatte die Magic Cuisine in Jahrtausenden nichts Schmackhafteres hervorgebracht, als ausgerechnet Kürbisse? Kürbiskuchen, Kürbismarmelade, Kürbisbrot, Kürbissaft, Kürbisbier, Kürbispizza, Kürbisdöner, Kürbispopcorn … Stünde es nur in seiner Macht, er, Ambos Schwurbelbart, ausführender Direktor der Zaubererakademie Hochwärts, hätte umgehend den Anbau und die Weiterverarbeitung dieses faden Gemüses unterbunden. Aber das tat es leider nicht. Genauso wenig wie die Beseitigung des absurden, aus grauer Vorzeit überlieferten Bartträgerbrauchtums. Wer hatte sich das bloß ausgedacht, dass der Leiter einer Zaubererschule gefälligst einen meterlangen grauen Bart zu tragen hatte, uneingedenk der Tatsache, dass der beim Pinkeln ziemliche Scherereien bereiten konnte? Bestimmt war es eine Frau gewesen, als Rache dafür, dass Leitungspositionen, nicht nur an Schulen, seit Ewigkeiten traditionell mit Männern besetzt wurden.

Aber so war das halt mit Traditionen. Irgendwann im Nebel der Vergangenheit begründet, über Generationen hinweg überliefert, gepflegt und zäh verteidigt, und unmöglich wieder loszuwerden.

Doch was Ambos Schwurbelbart heute Abend erheblich größere Sorgen bereitete, war ein ganz anderer alt hergebrachter Brauch, nämlich der, dass in einer Zaubererwelt niemals alles Friede, Freude, Kürbiskuchen ist, sondern dass sie stets von irgendwoher mit dem Untergang bedroht wird, sich aber, um das Gleichgewicht der Kräfte beim Kampf Gut gegen Böse zu wahren, traditionell auf das Erscheinen eines strahlenden Retters berufen darf, der sie wieder raushaut.

Aber wo soll man anfangen, wenn man weder weiß, aus welcher Richtung die Gefahr droht, noch welcher Retter strahlend genug ist, ihr adäquat begegnen zu können? Nun ja, wenn schon kein funktionierender Auslandsnachrichtendienst zur Verfügung steht, bedient man sich am Besten nach alter Zauberertradition eines geheimnisvollen Orakels, und er, Ambos Schwurbelbart, konnte sich brüsten, nicht nur über eines der geheimnisvollsten, sondern auch eines der besten Orakel überhaupt zu verfügen – wenn auch mit einem kleinen Haken …

»Alles ist im Fluss. Das Leben, so wie ihr es kennt, wird möglicherweise zu Ende gehen. Vielleicht verändert es sich aber auch nur in einer Weise, die sich unter Umständen als dramatisch nachteilig für die Betroffenen erweist«, leierte die Stimme des Orakels, das nicht nur eines der besten und geheimnisvollsten, sondern leider auch eines der vieldeutigsten war, nebulös durch die Räume der Orakelagentur. Schwerzüngig und verwaschen verkündete es die Umstände des kommenden Unheils: »Die Dämonen, die dem inneren Kreis entsteigen, werden … ähm, ganz schön ungezogen sein und die Gifte, die sie in eure Welt speien, werden … äh … giftig sein. Zusammenfassend würde ich mal sagen: Eure Welt geht astrein den Bach runter. Ihr alle seid …«

»Jajaja, wir sind in Gefahr. Das habe ich allmählich kapiert, Mann. Ich brauche mehr Details.« Ambos Schwurbelbart umkreiste ungeduldig den Ohrensessel auf dem sein Orakel saß, allem weltlichen entrückt und, von jeder Kritik unbeeindruckt, ausdruckslos in die Luft stierend. Sein Kopf kullerte zweimal von der rechten auf die linke Schulter und wieder zurück, bevor es sich zu weiteren Aussagen durchrang. »Es sind die Ringgeister, die sich gegen euch erheben werden. Die ›Naspuhl‹, die …«

»Ja doch, die Naspuhl, die Naspuhl! Das hast du mir auch schon x-mal erzählt!«, unterbrach der Direktor ungehalten. »Aber wer zum Teufel wird hierherkommen? Die Naspuhl selbst können es nicht sein. Abgesehen davon, dass sie viel zu faul sind, etwas eigenhändig zu tun, fehlt ihnen die Fähigkeit, ihre Zuflucht zu verlassen und sich in unserer Welt zu bewegen. Also: Wessen Hand werden sie sich bedienen? Wer ist ihr irdischer Paladin

»Du wirst es nicht mehr verhindern können. Rette so viele du kannst.«

»Blödsinn! Natürlich werden wir es verhindern können. Das ist so Tradition«, rief Schwurbelbart erbost.

Die Hände des Orakels krallten sich in die staubigen Lehnen des gewaltigen Chintz-Sessels. Sein Kopf begann wieder haltlos hin und her zu pendeln. »Hüten Sie sich in Geldangelegenheiten vor Gebrauchtwagenhändlern«, murmelte es unbestimmt. »Die beste Zeit für die Liebe ist nächsten Donnerstag Nachmittag zwischen der Tagesschau und dem Beginn des nachfolgenden Fußball-Länderspiels.«

»Scheiß Horoskop«, knurrte Schwurbelbart. »Das habe ich nicht bestellt.«

»Der Krieger Mars steht im Haus Jupiters. Doch keine Bange, liebe Astrologiefreunde, der Aszendent Wachhund steht hinten im Garten und hält die Wacht. Er wird Mars den Pöter aufreißen.«

»Mumpitz!«, rief Schwurbelbart. »Erzähl mir gefälligst etwas über die Naspuhl! Wofür bezahl ich dich?«

»Und zum Schluss das Wetter: Nach Durchzug einer Gewitterfront in den Abendstunden ist das Hereinbrechen der Nacht nicht auszuschließen. Die weiteren Aussichten: leicht unbeständig.« Die Augen des Orakels verblassten allmählich. »Vielen Dank, dass Sie Dirk Streichlers Orakeldienst genutzt haben. Für die Nutzung des Dienstes nach 20 Uhr werden Spätzuschläge berechnet.« Streichlers Kopf sank zur Seite und kurz darauf verrieten gleichmäßige Atemzüge, dass er eingeschlafen war.

Schwurbelbart ließ resigniert die Schultern fallen und seufzte. Er wusste, wenn Streichler erst einmal dieses Stadium fortgeschrittener Entspannung erreicht hatte, brachte ihn so schnell nichts ins Bewusstsein zurück.

Was nun? Nervös zwirbelte der Direktor einzelne Strähnen seines lästigen Wallbartes zwischen den Fingern seiner Rechten. Mit einem letzten Blick auf das Orakel wandte er sich schließlich ab und eilte zur Tür. Es war Eile geboten. Das Beste wäre, für morgen früh sogleich den Schulrat einzuberufen und Gegenmaßnahmen zu beraten.

Er hatte bereits die Hand auf die Türklinke gelegt, als Streichlers Stimme, diesmal ungewohnt kalt und präzise, ihn plötzlich erstarren ließ.

»Es ist der Gelbe«, brachen die Worte aus Streichlers Mund, eisig, scharf, so als seien es gar nicht seine. Er hatte sich aufgerichtet, die weit aufgerissenen Augen starr nach vorne gerichtet, blicklos. Der Direktor ging langsam auf Streichler zu. Er wagte nicht, ihn anzusprechen, ihn anzurühren, oder sonst irgendwie zum Weiterreden zu bewegen, obwohl ihn die Anspannung schier die Luft anhalten ließ.

»Ich sehe den Gelben«, wiederholte Streichler schneidend. »Du weißt, was du zu tun hast, Ambos Schwurbelbart. Hol den Jungen. Den Jungen …, du weißt schon welchen. Und jetzt …«, er fiel zurück in den Sessel, seine Stimme verschwamm, »jetzt, hlps, hätte ich gerne was zu trinken.«

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5 Kommentare zu ›Das Orakel‹



  1. xyz sagt:

    oh man….. auf die idee muss man erst mal kommen… das ist ja schon peinlich :grin: :roll: :lol:



  2. Anonymous sagt:

    das ist echt gut und ich muss da zustimmen, auf die idee muss man erstmal kommen. :wink: :grin: :smile:



  3. Ich sagt:

    Mein absoluter Lieblingssatz in diesem Kapitel:
    “Nach Durchzug einer Gewitterfront in den Abendstunden ist das Hereinbrechen der Nacht nicht auszuschließen”

    Einfach, aber ein schallender Lacher. Danke.



  4. Lauri sagt:

    Hallo!

    Mir ist kleiner Grammatikfehler aufgefallen:

    Mit einem letzten Blick auf das Orakel “wendete” er sich schließlich ab und eilte zur Tür.

    In diesem Falle heißt es “wandte”, weil es bei Personen wandte-gewandt heißt und bei Objekten wendete-gewendet. Und ich hoffe mal nicht, dass Ambos ein Auto oder ein Pfannkuchen ist! :wink:

    glg Lauri



  5. Dave sagt:

    Hallo Lauri.

    Vielen Dank für deine Anmerkung. Bei wandte und wendete bin ich immer wieder im Zweifel, tendiere aber nach reiflicher Überlegung dazu, mich dir anzuschließen.

    Der Duden “Richtiges und gutes Deutsch” sagt: Wenn die Änderung der Richtung in der Fortbewegung ausgedrückt wird, dann werden die Formen wendete und gewendet gebraucht. (Bsp: Der Bauer wendete den Pflug.) Ebenso, wenn wenden in der Bedeutung von umkehren oder umdrehen gebraucht wird. (Bsp: Das Blatt hat sich gewendet. Der Pulli wird auf Links gewendet.) Bei Verben mit Verbzusatz (anwenden, abwenden, aufwenden, einwenden, sich umwenden, sich zuwenden) – und um so einen Fall handelt es sich ja bei dem von dir angesprochenen Satz - existieren beide Formen nebeneinander, wobei die Verwendung -wandte und -gewandt aber überwiegt.

    Die Kurzformel “wandte bei Personen, wendete bei Objekten” kannte ich bisher nicht, ich werde aber noch mal mein komplettes Manuskript daraufhin überprüfen, ob sie sich universell im Sinn der oben beschriebenen Regeln einsetzen lässt.

    Deutsch ist schon echt ‘ne komplizierte Angelegenheit.

    Gruß
    Dave Kramer

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